Schlagwort Eskapismus. Filme, die uns vom Alltag ablenken sollen, dürfen gerne so weit wie möglich von eben jenem Alltag entfernt liegt. Wer will schon einen traurigen Film über eine Trennung sehen, wenn einem selbst gerade das Herz herausgerissen wurde? Eben. Und die schönste Realität ist immer die, in die man sich flüchtet. Aber auch wenn Filme uns unterhalten sollen, und sei es nur, dass sie uns ästhetisch reizen, so sollten die Großen unter ihnen doch etwas mehr können.

Am besten ewige Wahrheiten mit wundervollen Bildern verbreiten. Dafür sorgen, dass wir ein wenig schlauer als zuvor den Kinosaal verlassen. Uns in die Lage eines Menschen versetzen, von dessen beispielhaften Schicksal wir sonst niemals erfahren hätten. „The Company Men“ hätte so ein Film sein können. Nicht, dass er ein exotisches Schicksal verhandelt, ganz im Gegenteil. Das Sujet ist allen bekannt und unangenehm wie eine Krebserkrankung – und als ein kleiner Tod wird sie oft auch behandelt, die Arbeitslosigkeit.

Porsche, Golfclub, Arbeitslos

Bobby Walker (Ben Affleck) ist – wie knapp 40 Prozent aller amerikanischen Arbeitnehmer – ein Mittelstands-Anzugträger, dabei ein klein wenig erfolgreicher. Seine Statussymbole sind der Porsche, die Mitgliedschaft im Golfclub und eine wunderbare kleine Familie. Seine Arbeit beim 60.000-Mann-Unternehmen GTX garantiert seiner Frau Maggie (Rosemarie DeWitt) und seinem Sohn Sicherheit und Wohlstand. Und Bobby zeigt, was er hat, denn Erfolg, so meint der 37jährige, fällt jenen leichter, die ihn nach außen auch repräsentieren.

Von dieser vermeintlich positiven Rückkopplung ist es allerdings nur ein kurzer Schritt in den benachbarten Teufelkreis der Arbeitslosigkeit. Und ehe Bobby sich versieht, wird seine Firma kurz vor dem Verkauf noch mal verschlankt. Im neoliberalen Duktus nennt sich das Downsizing. Denn sein Boss denkt natürlich nur an die Dividende. Und Bobby aus dem mittleren Management ist – so entscheiden die Anwälte – abkömmlich wie Zahnbelag. Ausgerechnet ihm und seinem Kollegen Phil (Chris Cooper) wird gekündigt, wie viele andere erhalten sie drei Monate Gehaltsfortzahlungen. Dann stehen sie vor dem Neustart. Oder dem Ende. Denn die Hypotheken müssen schließlich irgendwie abbezahlt werden.

Rückholaktion

In einer Gesellschaft, die Menschen nicht über ihr Wesen definiert, sondern maßgeblich über die Arbeit, verlieren viele mit dem Job auch den Respekt vor sich selbst. Das gilt sicherlich auch für unsere Gesellschaft. Besonders hart trifft es die Karrieristen, die ihr gesamtes Dasein ihrer Arbeit vermachen. So geht es Bobby, und noch viel mehr Phil, der auch dank seiner kaltherzigen Frau vor dem Zusammenbruch steht. Deswegen lautet die Tagline des Films sinnigerweise auch „Wir widmen unser Leben dem Job. Es wird Zeit, es sich zurückzuholen.“ Der Teaser greift als Versprechen jene ewige Wahrheit auf, mit der einst gestresste Spitzenmanager, die ihr Hab und Gut verschenkt haben, nun Selbstverwirklichungsseminare geben.

Und der sich auch der Film angenommen hat. Dass ein System, in dem Geld über Moral regiert (und dies auch noch als dessen große Stärke dargestellt wird), zynisch ist, und wir dumm genug, uns ihm emotional auszuliefern.

Archetypische Figuren

Die Garde des an „The Company Men“ beteiligten Cast weckt Hoffnungen, der Film würde uns eine zutiefst menschliche Lektion erteilen, vielleicht auch Mut machen. Regisseur John Wells war zuvor Drehbuchschreiber für „Emergency Room“ oder das amerikanische Remake der unglaublich guten Channel4-Serie „Shameless“. Neben Ben Affleck spielen Tommy Lee Jones, Kevin Costner und die überzeugende Rosemarie DeWitt ihre Parts sicherlich überzeugend. Und der Film hat auch die allerbesten Absichten. Das muss man ihm zu gute halten. Doch der bittere Realismus der Ausgangssituation löst sich auf in einer zuckersüßen Überdramatisierung. Daran leidet der Film, und an seinen etwas holzschnittartigen Figuren.

Der grummelige Gene ist in der Hierarchie der Firma die Nummer Zwei und deren guter Geist. Er steht für den alten Kapitalismus, der nicht spekuliert, sondern den Ertrag der ehrlichen Arbeit erntet und zu schätzen weiß. Jack wiederum ist eigentlich Joe Plumber, das Urbild des amerikanischen Arbeiters, das ja auch von Präsidentschaftskandidat McCain im Endspurt gegen Obama bemüht wurde. Als Zimmermann baut er Dinge, und wenn er sie gebaut hat, wird er bezahlt, so einfach ist das. Obwohl Jack den aufgeblasenen Bobby nicht mag, verhilft er ihm zu einem Job auf dem Bau.

Bobby ist anfangs entrüstet, hat man ihm bei der Arbeitsvermittlung doch gesagt, bei seinen Qualifikationen sei er in Nullkommanix wieder raus. Doch im Gegensatz zu Phil –dessen Tochter eine sündhafte teure Italienreise plant und dessen Frau ihn von morgens bis abends vom Haus fern hält, um vor den Nachbarn den Schein der Beschäftigung zu wahren – weiß Bobby eine loyale Frau an seiner Seite. Und während es mit Phil unweigerlich ein böses Ende nehmen muss, befreit sich Bobby über Umwege von seinem Joch.

Die ultimative Strategie?

Man kann dem Film nicht vorwerfen, er gäbe sich nicht alle Mühe. Die Figuren sind nicht schlecht besetzt und sicherlich sympathisch genug, dass wir uns für sie interessieren. Aber die Dinge kommen, wie sie kommen müssen. Dabei ist die Existenzangst des einst besser verdienenden weißen Mannes durchaus einen Film wert. Warum sollte es ihm beim Absturz auch besser ergehen als dem einfachen Arbeiter? Man bedenke allein die Fallhöhe. Aber Regisseur John Wells macht es sich mit der Schlussfolgerung seines Kinodebüts zu einfach.

Ihm zufolge liegt die ultimative Problemslösungsstrategie der Blue-Collar-Kaste darin, die Tastatur gegen einen Hammer einzutauschen und sich damit mal feste auf den Daumen zu hauen, um zu merken, dass man noch lebt. „The Company Men“ nimmt sich und seine Zuschauer sicherlich sehr ernst. Schade, dass er am Ende der 109 Minuten die Glaubwürdigkeit mit dem Wohlgefühl eintauscht. Er hätte beispielhaft sein können. Aber er ist dann doch nur Eskapismus.