Nicht nur der Mensch mag es gemütlich. Auch der Ork. Deswegen sind Online-Rollenspiele wie World of Warcraft schon immer etwas mehr gewesen als reine Computerspiele. Eher ein zweites Zuhause für den Spieler und seine liebgewonnene Spielfigur, die es ein bisschen hübsch haben soll. Ein Indiz dafür sind die virtuellen Haustiere, die auch den wildesten Hexenmeistern hinterhertrotten.

Bislang hatten die Mini-Pets genannten Haustiere bie WoW nur die Funktion, niedlich zu sein. Nun aber werden sie zur Handelsware und damit zu einer neuen Währung.

Eine ganze Wirtschaft ist inzwischen um die Onlinegames gewachsen. Millionen geben die Spieler aus, um ihren Charakter beispielsweise mit den im Shop erhältlichen Reittieren oder Haustieren wie einem Pandarenmönch auszustatten.

WoW-Anbieter Blizzard hat diese Wirtschaft nun komplett umgekrempelt. „In Kürze im Haustiershop eures Vertrauens erhältlich: das Wächterjunge, der neue und titanisch süße Begleiter“, wirbt Blizzard auf seiner Homepage. Zehn Euro kostet der titanisch süße Begleiter, ein kleiner Mantikor mit goldener Mähne, im Kaufladen des Spiels.

Das Novum folgt kurz darauf in der Mitteilung: Der Publisher habe „kein Problem damit, wenn Spieler das Wächterjunge dazu nutzen, um legal und sicher an etwas extra Gold zu kommen, anstatt sich an externe Goldverkäuferseiten zu wenden“, heißt es auf der Webseite.

Das Haustier kann entweder einmalig genutzt oder als Handelsware beliebig oft weiterverkauft werden. Das klingt für Nichtspieler irgendwie selbstverständlich: Wer etwas kauft, darf es auch weiterverkaufen. Doch in der digitalen Welt des Kriegshandwerks kommt es einem Paradigmenwechsel gleich.

Das „WoW“-Minipet namens „Wächterjunges“

„Normalerweise sind die von Blizzard anerkannten Handelskreisläufe geschlossen“, sagt Florian Balke, Redakteur bei Giga, einem der großen Spieleportale. „Ein Gegenstand, der für Geld gekauft wird, kann nur mit dem eigenen Avatar verwendet werden.“ Echtes Geld gegen digitales Gold zu tauschen, geht offiziell nicht.

Der Reichtum in der virtuellen Welt soll gefälligst hart erspielt werden, damit sich niemand Erfolg kaufen kann. Der Zutritt zur World of Warcraft kostet jeden dasselbe, etwa 13 Euro pro Monat. Vor Blizzard ist jeder Gamer gleich. Könnte einer sich Vorteile erkaufen, wären die Figuren wohlhabender Spieler besser ausgestattet als andere. Damit aber wäre die Fantasywelt plötzlich dem echten Leben gar nicht mehr so unähnlich, und der Eskapismus dahin.

Zwar können Spieler im Spiel selbst miteinander handeln und Gegenstände tauschen. Auch gibt es ein spielinternes Auktionshaus nach dem Ebay-Prinzip. Waren, die im Spiel gefunden oder vom Spieler produziert wurden, können dort gegen andere Waren oder digitales Gold versteigert oder für einen Festpreis verkauft werden. Offiziell aber nicht gegen Geld.

Selbstverständlich wurde dieses hehre Prinzip daher längst unterwandert. Bei Ebay und anderen Handelsplattformen gibt es Unmengen digitales Gold, Waffen und ganze Accounts zu kaufen. Gegen echtes Geld. 25.000 Goldstücke kosten derzeit ungefähr 25 Euro.

Goldhändler lassen sie von billigen Arbeitskräften erspielen. Die Arbeiter kommen oft aus China und Russland und zocken im Schichtdienst. Das virtuelle Edelmetall verkauft ihr Chef dann gegen reale Devisen. Es ist ein klassischer Schwarzmarkt. Auf dem landen auch virtuelle Güter aus gehackten Accounts, die geplündert wurden. Daher warnt der Betreiber auch eindringlich vor den unerwünschten Goldanbietern, „denn in den meisten Fällen handelt es sich dabei um Gold, das von kompromittierten Accounts gestohlen wurde“, so Blizzard.

Blizzard beteiligte sich bislang denn auch nicht an solchen Tauschgeschäften und förderte sie auch nicht, im Gegenteil. Wer erwischt wurde, dessen Account wurde gesperrt. Nun aber will man offensichtlich mit einsteigen. Denn wer bei Blizzard die Haustiere kauft und sie dann gegen Gold tauscht, kauft letztlich Goldstücke. Indirekt wird der Marktführer damit selbst zum Goldhändler. „Das ist erst der Anfang“, sagt Balke. „Weitere Gegenstände dürften folgen.“

Warum Blizzard sich dazu entschlossen hat? Nach eigener Aussage vor allem, um „Spielern eine alternative Möglichkeit zu geben, Tiere des Haustiershops zu erwerben“. Das wahre Motiv aber dürfte ein anderes sein.

Die Zahl der Spieler des in die Jahre gekommenen World of Warcraft ist rückläufig und auf 11,1 Millionen gefallen. Gleichzeitig stieg jedoch der erzielte Umsatz, was vor allem auf den Verkauf von solchen Zusatzgegenständen zurückzuführen ist. Können diese nun im Spiel gehandelt werden, sind sie ungleich attraktiver, bringen also Blizzard noch mehr Geld.

Möglicherweise hofft das Unternehmen auch, so Einfluss auf den Umfang des illegalen Goldhandels zu bekommen – wobei viele wohl auch weiterhin auf illegale aber etablierte Angebote setzen werden. Denn warum sollte ein Spieler seine hart erspielten und ertauschten Goldstücke hergeben für ein solches Wächterjunges, wenn es das unbegrenzt im Shop gibt? Immerhin werden im Spiel nur jene Güter für Gold gehandelt, die selten sind und mit viel Zeit erspielt werden müssen.

Erschienen auf Zeit.de