Stellen Sie sich vor, Märchenfiguren suchten Zuflucht in unserer prosaischen Welt. Was würde passieren? Machen sie unseren Planeten zu einem gerechten Königreich, oder werden sie zu Gangstern und sozialen Notfällen? Letzteres ist sicher die wahrscheinlichere und obendrein interessantere Geschichte. Das neue Computerspiel von Telltale Games, den Machern des hervorragenden The Walking Dead, handelt von einer derartigen Vertreibung aus dem Paradies. Es ist ein modernes Märchen.

In The Wolf Among Us leben große Teile einer mythischen Diaspora in Fabletown, New York. Weil dort weder Milch noch Honig fließen, muss jeder um seinen Lebensunterhalt kämpfen. Die Exilanten nennen sich Fables und sind zu ganz normalen Großstädtern geworden. Schneewittchen arbeitet in der Verwaltung, ein geflügelter Affe ist Bibliothekar und Alkoholiker, der große böse Wolf (Big Bad Wolf) nennt sich nun Bigby und ist der Sheriff, und der berühmte magische Spiegel wird als Einwohnerregister missbraucht.

Das Ganze ist in comichafter Cell-Shading-Optik gestaltet, schließlich basiert esauf der Comic-Reihe namens Fables.

Das Spiel ist auf insgesamt fünf Episoden angelegt, die im Abstand von mehreren Wochen erscheinen werden. Die Exposition trägt den Titel Faith und ist eine klassische Kriminalgeschichte. Der Spieler ermittelt in Gestalt von Sheriff Bigby in einem Mordfall unter den Fables. In knapp zweieinhalb Stunden beschnüffelt man in dieser Rolle die Welt und ihre Charaktere, und in kürzester Zeit ist man selbst ein Gefangener dieses seltsamen und gleichzeitig so vertrauten Universums.

Seine Vergangenheit holt den Wolf ein

Nehmen wir Sheriff Bigby: Der große böse Wolf war nie ein Kind von Traurigkeit. Er fraß Rotkäppchen, die Großmutter und die sieben Geißlein. Er pustete die Hütte der kleinen Schweinchen um. In The Wolf Among Us holt ihn seine gewalttätige Vita nun immer wieder ein.

Beispielsweise in Gestalt von Colin, einem der drei kleinen Schweinchen. Das ist unerlaubt einem Sammellager für tierische Fabelwesen entkommen und hat sich in Bigbys heruntergekommenem Appartement einquartiert. Bigby lässt das zerknirscht zu, einerseits aus Schuldgefühlen, anderseits, weil er sich über etwas Gesellschaft freut.

Bigby, der mit seiner Vergangenheit ringt, hat sich einen Schafspelz verordnet. Nicht, um sich zu verstecken, doch die anderen Fables wissen nur zu gut, wozu er fähig ist und begegnen ihm mit Vorsicht.

Ein mindestens ebenso interessanter Charakter ist Rotkäppchens Retter. Im Spiel nennt er sich Woodman und offenbart ein viel weniger heroisches Ich. Denn die offizielle Version des Märchens vom Rotkäppchen verschweigt, warum Woodman damals tatsächlich das Haus der Großmutter aufsuchte und dort den Wolf vorfand.

Eine Saga in einer Welt anzulegen, die wie eine Meta-Sage alle möglichen uns bekannten Fabeln einschließt, ist aus Sicht der Geschichte dankbar. Schließlich sind wir seit Kinderzeiten Experten, wenn es um Märchen geht. Jede noch so subtile Schattierung im altbekannten Gut-Böse-Schema spielt mit unserer Erinnerung und unseren Erwartungen und funktioniert auch noch als Seitenhieb auf die Erzähltraditionen.

Den Durchbruch schaffte Telltale Games mit einer anderen Comic-Adaption: Das Zombie-Drama The Walking Dead stand auf jeder Liste zum Spiel des Jahres 2012. Dabei ist es eigentlich gar kein klassisches Spiel, sondern mehr eine interaktive Erzählung, und damit David Cages Beyond: Two Souls nicht unähnlich.

Um die Erzählung ging es den Entwicklern wohl auch bei The Wolf Among Usvorrangig. Denn spielerisch ist es keine Herausforderung. Der Spieler ist viel eher ein Zuschauer. Mit wenigen Mausklicks erkundet er die Räume, sucht nach eindeutig markierten Hinweisen und Gegenständen und spricht mit anderen Figuren. Hin und wieder gibt es eine Action-Szene in Form eines Quick-Time-Events. Das war’s.

Wahlfreiheit ist eher eine Illusion

Wichtiger sind die Dialogoptionen. Teilt Bigby seinen Whiskey mit Colin dem Schwein, erscheint am oberen Rand des Bildschirms ein Hinweis: „Colin hat sich das gemerkt.“ Der Spieler zahlt in ein Sympathiepunktekonto ein und hofft, dass sich das irgendwann rentiert. So erinnert das Spiel einen stets daran, dass jede Handlung Konsequenzen hat.

Damit wird der Spieler stärker an die Figuren gebunden und in das Geschehen hineingezogen. Er leidet mit den Figuren – auch wenn sich bei The Walking Deadherausgestellt hat, dass die Spielerlebnisse sich kaum unterschieden und die Wahlfreiheit eher eine Illusion war.

Ein mehrfaches Durchspielen der ersten Episode hat bislang keine Hinweise darauf gegeben, ob es sich in The Wolf Among Us genauso verhält. Die einzelnen Handlungen scheinen zumindest ein wenig voneinander verschiedene Konsequenzen zu haben. Allerdings braucht es bestimmte Fixpunkte im Spiel, da die Erzählung sonst nicht funktionieren würde.

Dieser Mangel an Varianz ist aber nicht weiter schlimm. Auch nicht, dass die Steuerung mit der Maus nicht optimal ist und das Spiel auf dem Testcomputer hier und da ruckelte. The Wolf Among Us ist trotzdem beeindruckend und macht Lust auf die nächsten Episoden.

Erschienen auf Zeit.de