Dschi-ha-ha-ha-had

Von fünf Amateur-Attentätern, die auszogen, für die Sache des Islam zu kämpfen, ohne zu wissen, was Sache ist. „Four Lions“ des Briten Chris Morris ist die vielleicht beste, sicherlich aber komischste Annäherung an den Dschihad.

Sheffield, die englischen Midlands. Eine kleine Zelle des islamischen Terrorismus, bestehend aus fünf Männern, plant, sich selbst in die Luft zu sprengen. Sie wollen ein Zeichen setzen, gegen den westlichen Materialismus, gegen dessen kulturellen Imperialismus, gegen Sexshops und auch ein bisschen gegen jüdische Zündkerzen in englischen Autos. Denn mit ihren Zündkerzen kontrollieren die Juden den globalen Autoverkehr. Nur wo sie hochgehen wollen und wen sie dabei mit sich in den Tod reißen, das wissen die Männer noch nicht. Einen Drogeriemarkt, weil er Kondome und Damenhygieneartikel verkauft? Oder vielleicht gar eine Moschee, verkleidet als Ungläubige, um die moderaten Muslime aufzuwiegeln? Sie wissen es nicht. Sie wissen überhaupt recht wenig.

Hoffnungslos überfordert

Hassan mag Hip Hop, und die rebellische Haltung der Mudschaheddin ist ein bisschen wie 2Pac. Aber gleich dafür sterben? Barry ist da schon viel überzeugter. Als britischer Konvertit unter pakistanischstämmigen Mitstreitern nervt er mit seiner gedankenloser Radikalität. Er ist zu cholerisch und zu verbohrt, um einen klaren Gedanken zu fassen. Als Querulant ist er aus Prinzip immer dagegen. Er kämpft für den Islam und sagt ihm gleichzeitig seinen Bankrott voraus. Der waldschratige Faisal richtet Krähen darauf ab, kleine Sprengstoffpakete zu transportieren. Ursprünglich war er sogar als Bombenträger vorgesehen, aber dann erkrankte sein Vater, und der pflegt sich nicht von selbst.

„Stoppt den Wahnsinn“

Auch der gutmütige Waj ist kein Experte in Sachen Terrorismus. Wie die anderen kennt er den Dschihad nur über Youtube, und sein Wissen über den Islam entstammt dem Kinderbuch „Die Katze, die nach Mekka ging“. Immerzu hat immer seinen Freund Omar für ihn denken lassen. Denn Omar ist der einzige der Truppe mit einem halbwegs gesunden Menschenverstand. Schütteln seine Freunde ihren Kopf hin- und her, um den Überwachungskameras kein scharfes Bild von ihren Gesichtern zu geben, rollt er stellvertretend für uns alle mit den Augen. Omar ist schlau und geduldig, aber oft genug wird er wütend, weil er sich nur von Idioten umzingelt sieht, dann ruft er „Stopp! Stoppt den Wahnsinn“. Gleichzeitig ist er derjenige, der durch seinen kühlen Kopf dem Wahnsinn eine Richtung gibt, dem anderen Wahnsinn, der nicht lustig ist, sondern tödlich. Das ändert sich auch nicht, als Omar und Waj aus einem pakistanischen Terrorcamp fliegen, weil sie als sich zu dämlich erweisen für gestandene Gotteskrieger.

Lachen gegen das Fürchten

Wie fühlen wir uns eigentlich, wenn wir über etwas lachen, das in seinem Kern gar nicht witzig ist, etwa weil wir uns davor fürchten? Haben wir währenddessen Gewissensbisse, oder erst danach, wenn uns unser Kopf/Herz/Gewissen sagt: Darüber lacht man nicht! Fühlen wir uns befreit, weil vom Humor die Furcht weggeht, wenigstens für einen kurzen Moment? Immerhin können wir über Nazideutschland lachen, wir haben es gelernt. „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino war auch in Deutschland ein großer Erfolg, Christoph Waltz ist seither der deutschsprachige Vorzeigeschauspieler Hollywoods. Ein komischer Film über die Gefahren der Kernspaltung käme uns jetzt vielleicht unangebracht vor, wo in Japan doch das Kraftwerk Fukushima havariert. Aber  auch zu diesem Thema gibt es eine ernsthafte komische Auseinandersetzung. Im weitesten Sinne zieht Stanley Kubricks „Doctor Strangelove“ die atomare Katastrophe durch den Kakao. Nun also ist es der islamische Terrorismus. Kann man sagen: Endlich?

Öl in das Feuer

Tatsächlich ist Regisseur Christopher Morris erfolgreich gelungen, was sich viele Film- und Kunstschaffende nicht trauen: Den Islamismus auf die Schippe zu nehmen, ohne niveaulos zu werden, im Gegenteil: „Four Lions“ könnte einer der wichtigsten Filme dieses Jahres werden. Er ist nicht nur verdammt lustig, er regt uns auch zum Nachdenken an. Das war vielleicht noch nicht so abzusehen, als der CSU-Bundestagsabgeodnete Stephan Mayer neulich in einer Interview mit dem Spiegel TV Magazin sagte: „Ich glaube, dass es sehr gefährlich sein könnte, diesen Film jetzt in deutschen Kinos zu zeigen. Es könnte Öl ins Feuer gegossen werden.”

Karneval der Kulturen

Das tut Morris dann auch, er gießt mächtig Öl ins Feuer. Dabei verzichtet der britische Fernsehmacher (The Day Today, Brass Eye) auf strahlende westliche Sieger in einer moralischen Gegenüberstellung. Es überwiegen die aberwitzigen Grautöne. Die Bauernopfer des kulturellen Clashs sind simple und durchaus sympathisch gezeichnete Figuren. Sie wollen der westlichen Lebensweise den Garaus machen, haben diese aber selbst verinnerlicht. Das gilt sogar für den radikalen, rotbärtige Konvertiten Barry. In seiner störrischen Antihaltung und seiner verqueren Logik erinnert er ein bisschen an Walter, den dicken Freund des Dude aus „The Big Lebowski“. Der aufgeklärte und rationale Omar zeigt dagegen seiner modernen Ehefrau stolz die selbstgedrehten Bekennervideos. Sie und ihr gemeinsamer Sohn unterstützen ihn in seinem Vorhaben, ins Paradies einzugehen. Gleichzeitig macht sich Omar über seinen ultrareligiösen Bruder lustig, der mit Omars Frau nicht einmal im selben Raum sein mag. Dabei ist er der einzige, der seinem Bruder ins Gewissen reden will. Beruhigend ist, dass auch die Vertreter der in ihren Grundfesten attackierten englischen Gesellschaft ihr Fett weg kriegen. Es ist weniger der Clash der Zivilisationen, mehr der Karneval der Kulturen. Das ist natürlich alles sehr absurd, aber vielleicht sollten wir mit unserer Vorstellung aufräumen, dass sich die Vita von radikalisierten Moslems stets gleich liest: arm, ungebildet und beleidigt wie eine Leberwurst.

Gefährliche Idioten

Ich stelle fest, dass ich auch Probleme habe, während ich diesen Text schreibe. Ich frage mich, welche Bezeichnung in meiner Rezension nun am treffendsten ist. Islamischer Fundamentalismus? Der muss nicht unbedingt gewalttätig sein. Gewaltbereiter politischer Islam? Der nicht unbedingt religiös motiviert. Und die Protagonisten, sind sie Radikale, sind sie Selbstmordattentäter (die hat der Islam ja nicht erfunden), oder sind sie schlicht Dschihadisten? Als solche sehen sie sich sicher, aber ist ein Selbstmordattentat wirklich Teil eines Dschihads? Es ist ein Minenfeld der Political Correctness, nicht nur für den Zuschauer oder für mich, auch für die Figuren. Als einer der Fünf gegen Mitte des Films mit Tüten voller Sprengstoff in eine Schafherde rennt und explodiert, fragen sich die anderen, ob man ihn jetzt als Märtyrer bezeichnen darf. Denn er sei ja für die Sache gestorben. Und natürlich lautet die  erzürnte Antwort von Omar: Welche Sache? Die Schafe der Kuffar umzubringen? War das die Sache? Wohl kaum. Doch trotz dieses Rückschlags schreitet der Plan voran. Denn Sprengstoff ist auch in den Händen von Idioten gefährlich, wahrscheinlich ist er sogar noch viel gefährlicher.

Wir werden uns streiten

Der Film hätte unter Besetzungsfehlern leiden können, denn das exzellente Drehbuch setzt ganz auf Situationskomik und groteske Dialoge und damit auf die Darsteller. Die können aber durchweg überzeugen. Riz Ahmed als Omar und Nigel Lindsay als Barry stechen aus einem hervorragenden Cast heraus. Wir werden uns trotzdem möglicherweise streiten, nachdem wir „Four Lions“ gesehen haben. Darüber, ob ein Film einem so ernsten Thema mit schwarzem Humor beikommen darf, so gut gemacht – und „ernsthaft“ – er auch sein mag. Man wird den Film lieben oder hassen. Aber man wird vor allem durch ihn eine neue Perspektive erhalten. Das ist oft mehr, als viele gutgemeinte und sachliche Dokumentationen erreichen werden.

Erschienen auf gamona.de