„Hangover 2“ ist die müde Fortsetzung eines Films über einen Filmriss. Junggesellen feiern in Thailand einen Abschied, erleben einen Absturz und kalauern sich durch Nutten-, Koks- und Peniswitze bis zum bitteren Happy End.

Die Scheidungsrate in Deutschland beträgt etwa 50 Prozent, heißt: Die Hälfte aller geschlossenen Ehen werden nicht vom Tod geschieden, sondern von einem Notar. Der Trend besagt zwar, dass man wieder länger zusammen bleibt als noch vor zwei Jahrzehnten, jetzt sind es knapp 14 Jahre, da sind die Kleinen aus dem Gröbsten raus. Danach geht es aber wieder auf die Pirsch, und die nächste Ehe wartet.

Erklären lässt sich so jedenfalls der ungehemmte Strom von Junggesellenabschieden, der an warmen Wochenenden in Hasenkostümen und Motto-T-Shirts über die Hamburger Reeperbahn zieht und mit in Bauchläden verstauten Wodka-Feige-Fläschchen die Menschheit beglückt. Er ist es, der den Ruf der Düsseldorfer Altstadt als Partymeile auch nach Aschermittwoch aufrechterhält. Spätestens ab drei Uhr nachts lädt er seine Mitmenschen zum Fremdschämen ein. Ein Gefühl, das sich auch ein bisschen bei „Hangover 2“ einstellt.

Denn „Hangover 2“ funktioniert besser, wenn man eine Batterie kleiner Feiglinge dabei hat und bei jeder halbwegs gelungenen Pointe einen leert. Zack, haha, weiter im Text, nur: Richtig betrunken wird man so auch nicht. Aber es lindert die Schmerzen. Womit wir auch schon beim Bräutigam der Stunde wären. Stu, der Zahnarzt mit dem Überbiss, möchte vor den Altar treten. Und da seine Braut thailändische Wurzeln hat, feiern die mittlerweile fest liierten Mittdreißiger nicht in Las Vegas, sondern in Thailand. Hier könnte der Text ohne weiteres enden, zumindest für alle, die den ersten Teil bereits gesehen haben. Denn der Ortswechsel ist gleichzeitig auch das Alleinstellungsmerkmal des Sequels.

Auf der Jagd nach der verlorenen Erinnerung

Zur Erinnerung: „The Hangover“, die Überraschungskomödie aus dem Jahr 2009, handelt davon, dass Stu, Phil und Doug, drei eher spießbürgerliche Freunde, nach Las Vegas fahren, um noch mal die Sau rauszulassen. Es ist die alte Leier: Je braver der Alltag, desto heftiger die Entgleisungen. Begleitet werden sie von Alan (Zach Galifianakis), dem Bruder der Braut, einem astreinen Soziopathen. Auf dem Dach eines Kasino-Hotels stoßen sie auf die Zukunft des Bräutigams an, und ein Augenzwinkern und eine Blende später kommen sie in einem vollends zerstörten Hotelzimmer zu sich. Ein Huhn läuft durch das Bild. Ein Tiger treibt sich im Badezimmer rum. Die Herren haben einen Black-Out, sie können sich an absolut nichts erinnern.

Aber abhanden gekommen ist nicht nur das Gedächtnis an die vergangene Sauftour, sondern auch ein Zahn sowie der gesamte Bräutigam. Das war lustig. Der Zuschauer ging mit der verkaterten Bande auf die Jagd nach der verlorenen Erinnerung. Stück für Stück fügt sich das Gesamtbild eines exzessiven, unglaublich verkorksten Abends zusammen, der letztlich auf die Kappe von Alan ging, kippte dieser doch seinen neuen Freunden was ins Bier, was zur Entspannungum. Die Ausgangssituation war absurd, die nachträgliche Herleitung noch absurder, die Gags saßen wie ein Kinnhaken von Iron Mike.

Wer ist hier dressiert?

„Hangover 2“ handelt nun davon, dass drei eher spießbürgerliche Freunde nach Thailand fliegen. Die Sau soll im Stall gelassen werden, zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an den letzten Filmriss. „Ich bin immer noch dabei, meine Psyche zu kitten“, so der Bräutigam. Mehr als ein Bierchen unter Kumpels am Lagerfeuer – der bekloppte Alan ist wieder mit von der Partie, ebenso der erst 16-jährige Terry, der Bruder der Braut, ein Cello spielendes Wunderkind – ist also nicht drin. Doch der malerische Strand verschwindet, Blende, und das nächste Bild ist ein altbekanntes:

Ein Zimmer, so unordentlich, dass es Kopfschmerzen verursacht, jedoch nicht in Las Vegas, sondern in Bangkok. Chow, der thailändische Gangster aus dem ersten Teil, ist mit von der Partie. Er scheint als Einziger zu wissen, was Sache ist, koskst sich dann aber dummerweise ins Jenseits, kurz bevor er ansetzt, die Nacht in den grellsten Farben auszumalen. Was bleibt, sind eine Leiche und Artefakte aus jener Nacht, Indizien, denen es nachzugehen gilt, etwa Terrys abgetrennter Finger oder Alans fehlende Haarprach. Huhn und Tiger sind diesmal nicht dabei, vielleicht weil ihr Auftreten in einem thailändischen Zimmer nicht zu sehr an den Haaren herbei gezogen scheint. Ganz auf lustige Tiere müssen wir aber nicht verzichten. Ein Äffchen in Lederjacke soll uns bei Laune halten, das funktioniert ja auch bei ZDF-Vorabendserien, der Affe zieht eine Grimasse oder macht High-Five, das Publikum lacht. Da fragt sich, wer hier dressiert ist.

Unerwartet auftretende Geschlechtsorgane

Tatsächlich wird jede Goldidee aus „Hangover“ einmal umgedreht wie ein Schnitzel in der Pfanne. Alles, was man im ersten Teil gesehen hat, wird auch im zweiten Teil abgehandelt, nur etwas überspitzer, krasser, um das Gefühl zu suggerieren, man zeige etwas Neues. Wieder begeben sich also die drei Helden des Absturzes auf eine Schnitzeljagd, diesmal durch Bangkok, um abermals die Erinnerung-Bruchstücke aufzusammeln. Die Figuren und der Zuschauer erhalten im Gleichschritt ihre Infos, aber während Doug, Stu und Alan am Rande eines Nervenzusammenbruchs stehen, rutscht der Zuschauer unrhig im Sessel hin und her. Sein Unbehagen ist aber nicht der Spannung geschuldet, sondern der Langeweile.

Der ausgeschlagene Zahn wurde durch ein unübersehbares Tattoo ersetzt, nicht der Bräutigam ist abhanden kommen, sondern das Brüderchen der Braut. Wir bekommen klitzekleine, unerwartet auftretende Geschlechtsorgane vorgesetzt und sollen über Analverkehr lachen. Was auf der Strecke bleibt ist die Annäherung der Figuren, die sich im ersten Teil vollzogen hat, als der seltsame Alan aller Umstände zum Trotz Aufnahme in den Männerbund fand.

Natürlich kennt sich die Schauspielcrew inzwischen, man ist eingespielt, die Rolle sitzt, der Regisseur ist derselbe geblieben. Aber selbst Galifianakis als egozentrischer Sozial-Borderliner nutzt sich ab, denn er scheint inzwischen auf solche und ähnliche Rollen abonniert, siehe „Stichtag“. Hier und da funktioniert es dann doch mit dem Lachen, auch wenn Genitalhumor, auf sich allein gestellt, hart zu verdauen ist. Aber dann wird einfach ein kleiner Feigling angesetzt, es gluckert und wird warm im Bauch.

Erschienen auf gamona.de