Gamechanger: E-Sports und Fußball

E-Sports und Fußball

Früher war ein Fußball aus Leder, heute kann er auch aus Polygonen bestehen. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis alle Vereine der deutschen Fußball-Bundesliga auch eine eigene E-Sport-Abteilung unterhalten. Die Fifa-Profis des VfL Wolfsburg spielen schon jetzt ganz oben mit.

Die Pro-Gamer des VfL Wolfsburg, Benedikt Salzer (links) und Daniel Fink, auf der gamescom in Köln.

WIRED Germany, Gamechanger-Serie

Ein Fußballstadion, samstags um halb drei, in nicht allzu ferner Zukunft. Die Ränge sind noch halbleer, aber der harte Kern der Ultras steht schon im Block. Raucht, trinkt Bier aus Plastikbechern und schaut gebannt auf den riesigen LED-Screen im Stadion. Ein Tor fällt, der Top-Scorer der Heimmannschaft hat mal wieder zugeschlagen, und die Fans jubeln und singen das Vereinslied. Paradoxerweise bleiben die beiden jungen Männer, die sich mitten auf dem Spielfeld gegenübersitzen, mit Game-Controllern in der Hand, und die Männchen auf der Leinwand lenken, dabei eher im Hintergrund.

„Es ist ein kleiner Traum von mir, einmal in einem vollen Stadion zu spielen“, sagt Daniel Fink angesichts dieser Zukunftsvision. Der 19-Jährige ist „FIFA“-Profi, aber nicht in einem E-Sport-Clan — er steht im Dienste des VfL Wolfsburg. Zusammen mit dem deutschen Meister Benedikt Saltzer spielt er jedes Turnier des Fußball-Videospiels in grüner Sportbekleidung und wird für Promo-Aktionen eingespannt.

Der deutsche Fußball-Vizemeister aus der Autostadt ist damit der erste Bundesliga-Verein, der sich im Computerspiel-Sport engagiert. Geht es nach Profi-Gamer Fink, ist das nur der Anfang einer Entwicklung. „Würde irgendwann jeder Bundesligaverein ein oder zwei E-Sportler haben, dann könnten wir parallel zur richtigen Bundesliga-Saison eine virtuelle Bundesliga-Saison nachspielen, eventuell im Vorprogramm zu den echten Spielen.“

Virtueller Fußball wird im Stadion gezockt, zwischen Maskottchen-Auftritt und Gewinnspiel.

Virtuelle Bundesliga-Begegnungen im Stadion, zwischen dem ersten Auftritt des Maskottchens und dem Gewinnspiel des Premium-Sponsors — das ist mehr als nur der Traum eines jungen Mannes, der besonders gut „FIFA“ spielt. Es ist ein Szenario, das die Vermarkter der Clubs längst auf dem Schirm haben. Denn Mannschaften reisen um die halbe Welt, damit sich in China oder Nordamerika neue Zielgruppen in einen Spieler oder gleich in einen ganzen Fußballverein aus dem fernen Deutschland verknallen. Aber vielleicht geht es mit Videogames, die auf vielen Millionen Fernsehern laufen, ja viel einfacher.

Prinzipiell ist ein Sportspiel, das versucht, den Fußball, wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen, perfekt nachzubilden, eine ideale Promotion-Plattform für Spieler und Sponsoren. In Sportspielen wirken Stadien und Trikots nämlich nur authentisch, wenn auch die echten Sponsoren-Logos zu sehen sind. Eins zu Null für das Team aus der Produktplatzierung. Fußballer wiederum werden als virtuelle Sammelkarten getauscht und immer mehr zu eigenen Marken aufgebaut, die sich von ihren Arbeitgebern immer stärker emanzipieren. Doch auch die Vereine profitieren.

Borussia Dortmund etwa hat mit dem „FIFA“-Publisher Electronic Arts einen Deal abgeschlossen. Mal ist Verteidiger-Beau Mats Hummels auf dem Cover, dann wieder ist der BVB als einziges deutsches Team in der Demo-Version des Spiels vertreten. Trotzdem sind Computerspiele ein zu vernachlässigendes Segment in der Rundum-Vermarktung. Den letzten Schritt, nämlich eine eigene E-Sport-Mannschaft aufzustellen, wagen die Borussen noch nicht: „Wir sehen den BVB als eine starke Fußballmarke mit einem Fokus auf Tradition, deswegen passt der E-Sport nicht perfekt zu uns“, lautet das offizielle Statement aus der Geschäftsstelle. „Wir sind in dem Bereich aber auch nicht so verbohrt, dass wir nicht schauen, wie sich der Bereich entwickelt.“

Computer-Fußball rafft jeder, egal ob mit zwei Freunden auf dem Sofa oder mit zwei Promille auf der Tribüne.

Da ist der VfL Wolfsburg einen Schritt weiter. Notgedrungen, möchte man meinen. Denn Borussia Dortmund gilt als beliebteste Mannschaft Deutschlands, Wolfsburg ist dagegen der VW-Club, der nicht mal in der Champions League sein Stadion vollkriegt. Wolfsburg kann sich daher nicht wie Dortmund über die Tradition vermarkten. Wohl aber über Innovation. Und da passt E-Sport tatsächlich ganz gut ins Konzept.

In einem Fernsehinterview erzählte der Wolfsburger Manager Klaus Allofs, wie es zu dem Engagement kam. „Ausschlaggebend war, dass wir immer wieder gesehen haben, wie gern unsere Spieler das spielen und wie gut sie das auch spielen. Und als wir dann erfahren haben, das man das noch viel besser spielen kann, haben wir uns schon gedacht: Da muss doch auch ein Leistungsgedanke dahinter stehen.“

Noch muss ausgelotet werden, wie werbewirksam „FIFA“, das Fußball-Spiel für Computer und Konsolen, tatsächlich ist. Dabei gibt es weniger Bedenken, ob Computerspiele prinzipiell auch als Live-Event funktionieren, weil allein in Deutschland tausende zu Turnieren pilgern und Mehrzweckhallen und Multifunktionsarenen füllen.

Allerdings sind die klassischen E-Sport-Disziplinen eher Shooter wie Counter-Strike oder sogenannte MOBAs — taktisch sehr anspruchsvolle, aber ziemlich unübersichtliche Multiplayer-Spiele. Computer-Fußball dagegen rafft jeder, egal ob man mit zwei Freunden auf dem Sofa sitzt oder mit zwei Promille auf der Tribüne steht.

Benedikt Saltzer, der aktuelle deutsche Computer-Fußball-Champ, könnte sich für Wolfsburg noch als lohnender Transfer erweisen. Warum, das konnte man in diesem Sommer bei Stefan Raab sehen. Dort scherzte er entspannt und stotterfrei mit dem Gastgeber, während er eine Partie „FIFA“ gegen seinen Finalgegner bei den Deutschen Meisterschaften spielte.

Der Physikstudent könnte eine Art Posterboy werden für den Fußballfan, der sich nur deswegen eine Konsole gekauft hat, um mit seinen Kumpels Fußballspiele zu zocken. Denn der E-Sportler mit den breiten Schultern und dem eckigen Kinn sieht eher aus wie das Klischee eines Innenverteidigers, nicht wie das Klischee eines Gamers.

Der E-Sportler mit den breiten Schultern und dem eckigen Kinn sieht eher aus wie das Klischee eines Innenverteidigers, nicht wie das eines Gamers.

Fraglich ist nur, ob die eingangs erwähnten Hardcore-Fans tatsächlich virtuelle Mannschaften bejubeln würden. Ultra-Gruppierungen stemmen sich seit jeder gegen die Dauerberieselung im Stadionumfeld und viele andere Auswüchse des „modernen Fußballs“. Der VfL Wolfsburg wiederum ist vielerorts ein Sinnbild dafür, dass Konzerne den Sport übernehmen. E-Sport und der VfL Wolfsburg, das könnte unter einem entsprechend schlechten Stern stehen.

Erschienen auf Wired.de