Mickey Maus war so gut wie tot. Künstlich beatmet nur durch sein Dasein als Logo des Entertainment-Riesen Disney. Denn der Nager, früher pfiffig, musikalisch und anarchisch, mutierte über die Jahrzehnte immer mehr zum Spießer. Ich sprach mit Warren Sopector über seinen Versuch, der Maus wieder Leben einzuhauchen

Zum Interview mit Warren Spector, dem Macher von Disney Micky Epic, geht es in eine Kammer in Nintendos Messelabyrinth. Dort stehen ein Tisch, ein Fernseher und drei Stühle. Der US-Amerikaner steht auf, drückt mir die Hand, grinst breit und kommentiert dann begeistert meine Tasche, ein Werbegeschenk von Nintendo. Warren Spector weiß: Ein kurzer Small Talk lockert die Stimmung. Seine eigene Lockerheit ist geradezu phänomenal. Man nehme die Zuversicht und Offenheit der Amerikaner und potenziere sie mit dem Disneyfaktor X, jenem Selbstverständnis, Farbe und Freude in jeden Winkel der Welt transportiert zu haben.

Warren Spector, wie sah Ihre allererste Begegnung mit Mickey Maus aus?

Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern. Denn meine erste Berührung mit Disney hatte ich schon am Tag meiner Geburt. Da hat mir mein Vater ein Pluto-Kuscheltier in die Wiege gelegt. Und Sonntagabends sind Walt und Mickey in unser Haus gekommen. Dann haben wir uns mit der ganzen Familie um einen alten Schwarz-Weiß-Fernseher versammelt, um Wonderful Word of Disney zu schauen.

Mickey gehört nicht mir, sondern der ganzen Welt

Ungefähr zu dieser Zeit dürfte Mickey seinen 30sten Geburtstag gefeiert haben.

Ja, ich weiß sogar noch genau seinen Geburtstag- und ort: Es war 1928 , der 18. November 1928. Das Colony Theatre, Broadway, New York City.

Seitdem hat sich der Mäuserich ja sehr verändert. Ist der Held in ihrem neuen Spiel „Mickey Epic“ eher der Steamboat Willie aus den Anfangsjahren des Disney-Zeichentrick? Oder haben Sie sich in verschiedenen Epochen bedient?

Mickey hat sein Aussehen im Laufe der Zeit wirklich oft verändert. Ich wollte die Elemente finden, die ich persönlich am liebsten mochte. Um dann zu Disney zu gehen und zu fragen, ob es ihnen so recht ist. Denn diese Figur gehört definitiv nicht mir, sondern allen 140.000 Disney-Mitarbeitern. Ach was, er gehört der ganzen Welt.* Ich wollte ihm einen klassischen Look verpassen, so wie aus seinen frühen Tagen. Ich mag die Kuchenaugen, bei denen kleine Dreiecke aus dem Pupillenkreis ausgeschnitten sind. Aber weil es im Videospiel eher nach einem Darstellungsfehler aussieht, mussten wir auf den Kuchen verzichten. Doch ich bin der Meinung, dass es sich hier um den besten Mickey aller Zeiten handelt. Klassisch und doch neu und frisch, süß und heldenhaft zugleich.

Mickey hat sich ja nicht nur äußerlich verändert. Anfangs war eher noch eine recht chaotische Maus und wurde im Laufe der Zeit immer spießiger.

Oh ja. Das ist eine gefährliches Thema für mich. Darüber könnte ich stundenlang referieren. Schließlich habe ich meine Uni-Abschlussarbeit über die Veränderung von Comic-Figuren geschrieben. Jeder Cartoon-Charakter von Mickey über Woody Woodpecker bis hin zu Donald Duck machte dieselbe Entwicklung durch: vom Anarcho hin zum lieben Onkel aus dem Vorort, vorzugsweise mit drei Neffen. Und jede dieser Entwicklungsstufen besitzt etwas Liebenswertes.

Woher weiß man aber bei so vielen unterschiedlichen Mickey-Interpretationen, wie die Figur wirklich angelegt ist?

Man muss sich auf die Suche nach dem Herz der Figur machen, muss herausfinden, was sie so besonders macht und warum sie so erfolgreich ist. Egal ob es sich um Mickey Maus oder Indiana Jones handelt. Deswegen habe ich mir wirklich alles angeschaut: Comics, Pullover, Tassen. Einfach alles.

Um dann zu sehen, welcher Mickey am besten in unsere Zeit passt?

Nein. Ich habe nicht darauf geachtet, wie sich die Darstellungen unterscheiden. Sondern was sie gemeinsam haben. Zum Beispiel ist Mickey immer der Schlaueste von allen. Er ist loyal bis zur Selbstaufgabe. Er gibt niemals auf. Jeder Mickey ist so. Er ist sehr enthusiastisch und denkt nicht immer nach, bevor er etwas tut. Das trifft zu für Mickey in Steamboat Willie, in „Der Zauberlehrling“ und in „Die drei Musketiere“. Zu alledem stellt er immer Unfug an. Wenn man das alles zusammennimmt, hat man das Herz des Charakters Mickey Maus recht gut beschrieben.

Nun handelt Disney Micky Epic von vergessenen Disney-Figuren. Hat die Popularität der Maus nicht auch gelitten, weil sie eher Konzern-Symbol geworden ist, anstatt Kinderherzen höher schlagen zu lassen?

lacht hysterisch Ach, mal ehrlich, auf keinen Fall. Wenn man ein Bild von Harry Potter nimmt und das Leuten im australischen Hinterland, in der Sahara oder mitten in Peking zeigt: den würde dort doch keiner kennen. Wenn man nun irgendwo auf der Welt diese drei Kreise zeichnet (beschreibt die charakteristische Silhouette von Mickey Maus mit drei in die Luft gemalten Kreisen), wird das wohl nahezu jedermann auf dem Planeten Erde erkennen und skandieren: Mickey Maus!

Harry Potter würden die Leute im australischen Hinterland nicht erkennen

In Deus Ex gestehen sie dem Spieler eine große Entscheidungsfreiheit zu, um Probleme zu lösen. Wie wird das bei Mickey Maus laufen, einen durchweg guten Charakter?

In Disney Micky Epic wird der Spieler vor Probleme gestellt, die er löst, indem er Dinge aus der Welt löscht oder hinzu malt. Wie wann was gemacht wird, soll dem Spieler selbst überlassen sein. Denn eines mag ich nicht: Leuten vorkauen, welcher Weg gut ist und welcher schlecht. Wer das will, sollte einen Roman schreiben oder einen Film drehen. Der Spieler selbst soll das Urteil fällen, nicht der Gamedesigner. Ist das Spiel nur ein Puzzle mit linearem Lösungsweg, vorgegeben vom Designer, tut man dem Spieler keinen Gefallen. Und man ignoriert, wofür das Medium Videospiele eigentlich geschaffen wurde. Wenn man jemandem eine Waffe in die Hand gibt, mit dem Auftrag, alles zu killen, was sich bewegt, macht man kein Spiel, denke ich jedenfalls.

Nein? Ich würde bei der Beschreibung spontan an einen Egoshooter denken.

Ich mag mich da gar nicht so reinsteigern, aber ein Videospiel ist das erste Medium in der Geschichte der Menschheit, das uns selbst die Entscheidung darüber lässt, was gut ist und was nicht. Und das in der Lage ist, unsere Meinung darüber während des Spielens zu verändern. Ich will hier mal eine Geschichte erzählen. Entschuldigung, dass ich jetzt so ausschweifend werde, aber es ist mir wichtig. Ich habe neulich einen Vortrag an einer Universität gehalten. Danach wollte eine Gruppe von Fans mit mir was trinken. Einer fragte mich, wie ich denn bitte auf die Idee gekommen sei, Deus Ex zu machen. Es sei ein ganz scheußliches, rechtes Propagandastück. Da fuhr ihm ein anderer in die Parade. Denn er war der Meinung, Deus Ex sei linke Propaganda, von vorne bis hinten. Da stritten sich beide um die Interpretationshoheit, und ich saß da, mit verschränkten Armen, und wusste: Meine Arbeit ist getan. Auch in Disney Epic Micky gibt es keine moralische Bewertung der Dinge, kein Moral-o-Meter. Man kann Probleme lösen, wenn man malt. Und Probleme lösen, wenn man sie ausradiert.

*Dass die Maus nach 80 Jahren nicht in den Besitz der ganzen Welt übergeht, wusste Disney im Zuge der Überarbeitung des amerikanischen Urhebergesetz erfolgreich zu verhindern. Das Gesetz wird auch Mickey-Maus-Schutzgesetz genannt.

Erschienen auf gamereactor.de