Der Altmeister der Backpfeife hat seine Memoiren geschrieben, sie heißen: Bud Spencer: Mein Leben, meine Filme. Und aus dem Leben der umtriebigen Wuchtbrumme Bud Spencer alias Carlo Pedersoli hätte man auch drei coole Bücher machen können. Diese Autobiographie ist leider die Schmalspurversion eines fetten Lebens.

Schwergewichte eines ganz anderen Kalibers sorgten dafür, dass die Friedrichsstraße und ihre Umgebung (die Pressekonferenz sollte im Hotel Regent stattfinden, das befindet sich in der Charlottenstraße, einer Parallelstraße der Friedrichstraße) zur Hochsicherheitszone erklärt worden waren, mit schwerbewaffneten Polizisten in Grün und Blau, automatischen Waffen und Hubschrauberpatroullien. Die NATO-Außenminister trafen sich in Berlin und dürften vor allem Libyen im Kopf und in den Aktenkoffern gehabt haben. In all dem Trubel ging die Pressekonferenz mit Buddy fast ein wenig unter.

Schwarz und Weiß wie George W. Bush

Dabei kommt Bud Spencer gerade recht, denn er stand ja schon immer, vor allem in Deutschland, für leichte Kost und harte Schläge, die ideale Eskapismus-Schelle. So zumindest kennen wir den Dicken: schlagfertig, griesgrämig, und immer auf der Seite der Rechtschaffenen. In Zeiten, in denen Al-Quaida und die NATO gleichermaßen, aber aus unterschiedlichen Beweggründen, zum Sturz von Gaddhafi aufrufen, ist diese Unterteilung in Schwarz (Viehdiebe, Millionäre und anderes Gesindel) und Weiß (Siedler, Farmer, der kleine Mann) wie ein segensreicher Rückfall in George W. Bushs Amtsperiode. Der Anlass der Memoiren: Der gute Bud ist 81 Jahre alt, da kann man schon einmal zurückblicken. In loser Reihenfolge: Spencer/Pedersoli war erst reiches Industriellensöhnchen, dann Taschendieb in Rom, zigfacher italienischer Schwimm-Meister (der erste Italiener, der die 100 Meter unter einer Minute schwomm), Hafenarbeiter in Südamerika, zweifacher Olympia-Teilnehmer, Mitglied der italienischen Wasserball-Nationalmannschaft, angehender Chemiker, angehender Jurist, Schauspieler, Komponist, Frauenheld, treusorgender Vater und Kandidat der Forza Italia, Berlusconis erster Party-Partei. Wie gesagt: genug Stoff für viele Bücher.

Totschlagargument als Lebensmotto

Darin liegt vielleicht auch das Problem dieser Memoiren. Bud Spencer ist als Persönlichkeit sicherlich um einiges vielschichtiger, als seine Filmen immer haben vermuten lassen. Wer ihn nur als Haudrauf kennt und Rückschlüsse von seiner Statur auf sein Gemüt zieht, wundert sich über den Feingeist Pedersoli. Dem versuchen der Mime und seine beiden Co-Autoren Lorenzo de Luca und David de Filippi gerecht zu werden. Und sie scheitern daran. Spannende Geschichten – etwa wie der junge Pedersoli Ende der Fünfziger in die Wirren einer Revolution in Venezuela gerät und wegen seiner weißen Hautfarbe von den Leuten als angeblicher Amerikaner angefeindet wurde, bis er eines Tages in der kompletten Montur der italienischen Fußball-Nationalmannschaft durch die Straße lief und fortan in Ruhe gelassen wurde – werden in Anekdoten abgehandelt. Die ersten Hundert Seiten erleben wir einen Carlo auf Selbstfindung. Die zentrale Frage: Aus welchem Holz bin ich geschnitzt? Antwort: Gute Abwehrkräfte, Zähigkeit und das Glück, in ausweglosen Situationen immer wieder auf die Füße zu fallen. Und wenn mal etwas schief läuft, hilft das Totschlagargument unter den Lebensmotos: „Scheiß drauf!“

Am Krückstock

In Berlin zeigte sich Bud Spencer, der eine künstliche Hüfte hat und an einem Krückstock geht, meist ruhig. Er plauderte aus dem neapolitanischen Nehkästchen, erzählte, dass er sich nicht als Schauspieler sehe, sondern nur als Figur, die wegen ihrer Körperlichkeit besetzt wurde. Dass er zwar über 60 Filme auf Englisch gedreht habe, aber kein Wort Englisch spreche, sondern dank seiner phänomenalen Gedächtnisses alles auswendig gelernt hat. Dass er gerne esse (hätte man jetzt nicht gedacht) und deswegen aus dem Leim gegangen sei, als er seine Badehose an den Nagel hängte. Die Anwesenden lauschten der charmant vor sich hergrummelnden Wuchtbrumme, freute sich, Bud Spencer zu Gesicht bekommen, denn er sah schon ziemlich alt aus. Im Raum befanden sich zwar fast ausschließlich Journalisten, aber die waren gleichzeitig auch Fans. Da mochte man ihm verzeihen, dass er etwas ausweichend bis unzusammenhängend auf Fragen zu seiner Kandidatur für die Forza Italia reagierte.

Richtige Fans

Richtige Fans gab es auch an diesem Vormittag im Regent-Hotel. Hinter mir saßen zwei ältere Herren – vielleicht 15 bis 20 jahre jünger als Bud himself –  in eigenartigen, stilechten Seventies-Anzügen in marineblau und Pomade im schütter werdenden Haar. Sie sahen aus wie zwei Statisten aus „Vier Fäuste in Rio“, so als würden sie nach einer Überdosis Kölnisch Wasser riechen. Im Foyer stand ein junger Mann mit einer Bud Spencer-Marionette. Er erzählte mir, er habe eine schwere Zeit hinter sich gebracht, und die Filme von Bud Spencer und Terrence Hill hätten ihm geholfen, diese schwere Zeit zu überstehen. Dann war dort noch eine junge Frau, sie verteilte Informationsbroschüren und trug ein kitschiges Medallion um den Hals, darauf: natürlich Bud Spencer. Die Frau warb für ein Fan-Projekt, das einen Film über das Leben von Bud Spencer dreht, aus reiner, ungetrübter Hingabe. Zwei Trailer gibt es schon zu sehen. Ich könnte mir vorstellen, dass der Film mehr Substanz besitzt als das Buch. Es ist eh immer besser, andere Leute über sich erzählen zu lassen.

Bud Spencer: Mein Leben, meine Filme – Die Autobiographie erscheint am 20. April 2011

Erschienen auf brash.de