Die Klitschkos sind keine Boxer, sie sind eine Marke. Zwei Bücher gibt es schon, jetzt kommt der Dokumentarfilm. Abseits des Boxrings leben sie skandalfrei in Hamburg. Höflich und effektiv und stehen für deutsche Tugenden. Sind sie deswegen so langweilig?

Es müsste eigentlich jedes Mal ein großartiges Schauspiel sein, wenn die Vitali und Wladimir Klitschko den Raum betreten. Zwei Modellathleten mit Doktorwürden, der eine angehender Politiker in seinem Heimatland, der andere frisch liiert mit einer Hollywood-Actress (Hayden Panettiere, Cheerleader aus der US-Serie „Heroes“), beides Muster des olympischen Gedankens, redegewandt, weltgewandt, knapp zwei Meter groß, gänzlich unzerstört. Der Boden müsste unter ihren Schritten beben, die Musik der Champions dazu ertönen aus mikroskopisch kleinen Boxen, in ungeahnter Lautstärker. Alle Münder offen stehen, die Kerle grün und blau vor Neid werden, die Weiber rot und zittrig.

Stattdessen geht die Tür auf, und fast unbemerkt schlüpfen sie hinein. Artig sind sie gekleidet, artig schütteln sie alle Hände, nehmen Platz und geben pflichtbewusst zu Protokoll, sich allen Fragen stellen zu wollen. Dabei standen sie bereits den ganzen Tag im Ring der Öffentlichkeitsarbeit. Keine Prolo-Geste, kein Gehabe. Wenn Vitali, 39, und sein knapp fünf Jahre jüngerer Bruder Wladimir die Herren des Rings sind, so sind sie mindestens auch die Könige der PR. Aber will man von Boxern nicht ein wenig mehr Show und Testosteron? In Amerika, dem Mutterland des Showkampfes, galten die Klitschkos lange Zeit als Langeweiler. Deutschland schätzt da eher den netten Prügelknaben von Nebenan, siehe Henry Maske.

„Erfahrung bekommst du nicht aus Büchern“

Wladimir, lernen Sie im Leben fürs Boxen oder im Boxen fürs Leben?
Vitali will die Frage noch einmal hören, doch sein Bruder kommt ihm zuvor und antwortet.

Wladimir Klitschko: Eigentlich lernt man mehr vom Boxen fürs Leben, auch für das geschäftliche. Sich durchboxen – diese Lektion ist sehr nützlich, denn es gibt immer viel Konkurrenz, und man muss immer besser sein, um weiterzukommen. Und wenn wir schon beim Lernen sind: Dank dem Sport haben wir eine unglaubliche Ausbildung genossen. Wir sind viel gereist, haben viel gesehen, in vielen Ländern gelebt, viele Persönlichkeiten getroffen, uns mit ihnen ausgetauscht und Erfahrungen gesammelt, mit jeder Gesellschaftsschicht: Politik, Philosophie, Wirtschaft, Kunst, Schauspiel. Eine Hand hat nicht genug Finger, um zu zeigen, wie viele das sind.

Aufmerksam hört Vitali seinem jüngeren Bruder zu und nickt jeden Halbsatz ab, bis er an der Reihe ist.

Vitali, was ist härter, ein Boxkampf oder ein Wahlkampf?

Vitali Klitschko: Eine sehr philosophische Frage. Als ich mit dem Boxen anfing, waren die erste Lehrstunden hart. Man kennt die Regeln nicht. Man weiß nicht einmal, wie man sich verteidigt. Meine Mutter war immer ganz entsetzt, weil ich so viele blaue Flecken hatte oder eine blutige Nase und aufgeplatzte Lippen. Aber es mit das Wichtigste im Leben, Erfahrungen zu sammeln. Die bekommt man nicht aus Büchern. Ähnliches gilt auch für die Politik. Für Europäer ist die ukrainische Politik schwer zu begreifen. Die Ukraine ist ein ganz junges Land. Wir versuchen eine Demokratie aufzubauen, seit 20 Jahren, seit unserer Unabhängigkeit…

„In der Politik gibt viele Tiefschläge“

Vitali, der recht gut Deutsch spricht, stolpert ein wenig über das Wort Unabhängigkeit. Er sagt: „Unabhi-abchi-ni“. Sein kleiner Bruder, der die ganze Zeit über den Blick auf den Tisch richtet, an dem er sitzt, wirkt beinahe ein wenig genervt und bringt den Satz für Vitali zu Ende. „Abhängi-gig…keit“.

 

Vitali Klitschko: In der Politik herrschen andere Gesetze. Es gibt sehr viele Tiefschläge und sehr viele Schläge in den Rücken. Wenn man das mit dem Boxen vergleicht, ist es wie ein Kampf ohne Regeln. Im Boxen kann ich den Gegner nun provozieren, kann die Hände im Kampf unten lassen, die Leute nennen das meinen Cowboy-Stil. Aber ich weiß, was mein Gegner macht, weil ich genug Erfahrung gesammelt habe. In der Politik ist das etwas anders, da bin ich wieder der Anfänger.

Und wie sehen Ihre politischen Zielsetzungen aus?

Vitali Klitschko: Mein Ziel ist, die Ukraine näher an Europa zu bringen, denn sie ist europäisch, nicht nur geographisch, sondern auch historisch und mental. Wir sind ein europäisches Land, aber unser Lebensstandard ist noch weit davon entfernt. Aber ich möchte nicht, dass jemand anderes uns nach Europa holt. Wir können das selber. Das erinnert mich an die Zeit, als wir mit dem Boxen angefangen haben, man kommt mit blutiger Nase und blauen Flecken nach Hause, aber man muss durchhalten, aufstehen, weitergehen, nur dann hat man Erfolg.

Durchhalteparolen und Mutmachsprüche. Sie kommen aus tiefsten Herzen. Diese beiden kaukasischen Riesen sind im Ring Kamfmaschinen, die seit einem knappen Jahrzehnt das Profiboxen dominieren. Und doch wirken sie so glaubwürdig, artig und manchmal herrlich altklug, man möchte sie umarmen. Oder sie wählen.

Was war ausschlaggebend dafür, jetzt die Dokumentation zu drehen? Angeblich gab es ja schon vorher Angebote, Ihre Geschichte zu verfilmen

Wladimir Klitschko: Die Idee war schon immer da. Und nachdem wir unser Fitness-Buch auf den Markt gebracht haben und auch das zweite Buch, „Unter Brüdern“, da war der Dokumentarfilm etwas Logisches. Und doch haben wir viele Angebote abgelehnt. Der Film sollte spannend sein, nicht langweilig wie viele andere Dokus, ich will jetzt keine Titel nennen.

Der Boxweltmeister wird zur Quasselstrippe

Vitali Klitschko: Es war eine gute Idee, diese Doku jetzt zu drehen. Ich persönlich schaue gerne Thriller, Dramen und Actionfilme. Und all das haben wir auch in unserer Doku. Das ist nicht gespielt, das ist das wahre Leben. Das ist wie eine Achterbahn, hoch, runter, man muss durchkommen. In dem Moment, in dem man nicht mehr an sich glaubt, muss man trotzdem weitergehen. Dann wird man erfolgreich. und das ist nicht nur Sport, sondern eine allgemein Regel für das Leben. Und ich hoffe, der Filme kommt nicht nur an bei der Sportgemeinde, sondern auch bei einfachen Menschen. Wir kommen aus einfachen Verhältnissen.

Vitali ist nun ganz Mensch/PR-Maschine. In seinen Antworten reiht er Nebensatz an Nebensatz und setzt Komma an Komma, ohne zum Punkt zu kommen. Der Boxweltmeister wird zur richtigen Quasselstrippe.

Und was hat Sie dazu bewegt, den Film mit Regisseur Sebastian Dehnhard zu machen?

Wladimir Klitschko: Sebastians Aufgabe war es, aus zwei Personen einen Film zu machen. Das ist ganz schwer, grundsätzlich. Aber es ist ihm gelungen, einen roten Faden durch den Film zu ziehen, den Film spannend und gleichzeitig lustig werden zu lassen. Sebastian hat sich schlau gemacht, hat viel recherchiert und überall seine Nase reingebohrt, um dann das tollste Material zu finden. Bilder und Filme, von denen nicht einmal wir wussten, dass sie existieren. Das ist schon eine tolle Leistung. Chapeau.

Ist es denn schwierig, in einem Film von nicht einmal zwei Stunden Länge sein ganzes bisheriges Leben unterzubringen?

Wladimir Klitschko: Es war die schwieriger als alles andere. Schon während gedreht wurde, haben wir uns alles Stück für Stück angeschaut. Am Ende waren es 180 Minuten. Wir mussten so viel Material rausschmeißen, es gab wilde Diskussionen, gerade bei dem gutem Bildmaterial, das es eigentlich verdient gehabt hätte, drin zu bleiben.

„Ich dachte: Jetzt wird mein Po versohlt“

Ehrlich gesagt dachte ich, es sei das Schwierigste gewesen, Ihre Mutter zu überreden, Teil dieses Films zu werden. Denn Ihre Eltern treten ansonsten nie in der Öffentlichkeit in Erscheinung.

Vitali Klitschko: Ich habe das auch nicht geschafft. Der kleine Bruder war es, er hat ein Geheimmittel benutzt. Der junge Bruder hat es immer etwas leichter bei den Eltern.

Wladimir Klitschko: Ich gebe mal ein Beispiel. Als ich ein Kind war, habe ich einmal etwas ganz Schlimmes angestellt. Ich dachte: Jetzt wird mein Po versohlt. Zum Glück war mein Vater noch nicht da. Also habe ich den Gürtel aus einer Hose meines Vaters gezogen, bin damit zu meiner Mutter gegangen und habe gesagt: „Ich weiß, was ich das gemacht habe, das war schlecht.“ Ich habe ihr den Gürtel in die Hand gedrückt, die Hose runtergezogen und mich auf das Sofa gelegt. „Und jetzt schlag, schlag zu. Schlag, komm, mach es.“ Aber meine Mutter hat die Hand gesenkt. Sie konnte nicht.

Nach Außen wirken Sie immer so ruhig, auch jetzt. Nur im Ring, da explodieren Sie. Gibt es Situationen außerhalb des Ringes, in denen Sie richtig gereizt sind?

Wladimir Klitschko: Natürlich hat man Emotionen, man ist ja keine Maschine. Aber es kommt auch immer auf die Situation an und darauf, wie man selbst drauf ist.

“In der Politik lügen dir die Leute ins Gesicht”

Was reizt Sie denn?

Vitali Klitschko: Wenn Leute dir ins Gesicht lügen. Das passiert einem besonders oft in der Politik. Da herrschen ganz andere Werte, da fällt es mir manchmal schwer, ruhig zu bleiben. Trotzdem versuchen wir unsere Gefühle im Griff zu haben, egal ob im Ring oder im Leben. Wir sind Menschen und reagieren auch emotional. Aber wir haben es bisher immer geschafft, unsere Emotionen unter Kontrolle zu haben.

Und wie gelingt das im Ring? Wer sich mal geprügelt hat, dürfte bestätigen, dass da nicht mehr viel los ist mit dem Kopf.

Wladimir Klitschko: Das ist die Kunst der Sache. Natürlich möchte ich einen Gegner wie David Haye gerne auseinandernehmen. Aber das muss man abschalten, das geht nicht mit Wut im Bauch, nur mit Technik. Emotionen haben im Ring nichts verloren. Wenn man emotional ist, dann produziert man zu hundert Prozent einen Fehler.

„Klitschko“ kommt am 16.6.2011 in die deutschen Kinos. Regie: Sebastian Dehnhardt, Verleih: Majestic

Erschienen auf brash.de