Nintendo steckt im Casual-Dilemma

Nintendo muss sich schleunigst etwas einfallen lassen. Während Sony und Microsoft um die Marktanteile der Zukunft kämpfen, droht das japanische Videospiel-Urgestein den Anschluss zu verlieren. Sein größtes Problem: der enorme Erfolg der eigenen Wii-Konsole.

Wer schon einmal auf dem Hamburger Fischmarkt war, kennt das unterhaltsame Getöse, das Marktschreier wie Aale-Dieter veranstalten, um der elektrisierten Kundschaft Körbe mit Südfrüchten anzudrehen. Ein ganz anderes Bild bietet sich etwas abseits vom großen Spektakel.

Da sitzt, zwischen zwei kleinen Ständen, seit Jahr und Tag ein alter Mann im Rollstuhl, mit einer Decke auf dem Schoß, und verkauft leise zwitschernd Vogelpfeifen. Seine Zielgruppe sind die erwachsenen Frühaufsteher und Nachtschwärmer, die sich so mit kindlichem Frohsinn versorgen. Dieses Szenario, hier der laute Trubel, dort die leisen Pfiffe, lässt sich gerade auch auf einem anderem Markt beobachten – bei dem Markt für Videospielkonsolen.

Auf den Bühnen der großen Marktstände: Sony und Microsoft. Sie veranstalten ein lautes Wettrüsten, um pünktlich zum Weihnachtsgeschäft der elektrisierten Kundschaft ihre aktuellsten Neuentwicklungen anzudrehen, die Playstation 4 und die Xbox One. Etwas abseits vom Spektakel: das altehrwürdige Nintendo, das dem hektischen Treiben zuschaut und leise vor sich hin pfeift.

Viel mehr als die Zuschauerrolle bleibt dem japanischen Videospiel-Urgestein gerade auch nicht. Bereits im vergangenen Jahr hat man mit der Wii U eine neue Konsole präsentiert, und die gilt bis dato als Enttäuschung. Dass Nintendo in der letzten Quartalsbilanz überhaupt schwarze Zahlen schreiben konnte, liegt ausschließlich an den guten Games für das Handheld 3DS. „Super Mario 3D Land“ oder das schnuckelige „Animal Crossing: New Leaf“ sind klassische Nintendo-Titel, witzig und liebevoll gestaltet bis zum letzten Pixel.

Wii war schon 2007 technisch veraltet

Doch von der großen Konsole, der Wii U, wurden weltweit nicht einmal vier Millionen, in Deutschland sogar nur 150.000 Stück verkauft. Das hat mehrere Gründe. Einer davon ist paradoxerweise der große Erfolg der alten Wii-Konsole. Die verkauft sich auch heute noch besser als ihr Nachfolger. Trotzdem hatNintendo erst vor ein paar Tagen die Produktion der ersten Wii endgültig eingestellt, jedoch gleichzeitig angekündigt, eine kleinere, abgespeckte (die Online-Funktion fehlt) und daher deutlich günstigere Version auf den Markt zu bringen. In Knallrot, und für voraussichtlich weniger als 100 Euro, als Einstiegsmodell für das Kinderzimmer.

Dabei war die Wii schon technisch veraltet, als sie 2007 erschien. Aber der Bewegungs-Sensor im Controller und nicht zuletzt der günstige Preis erschlossen eine komplett neue Zielgruppe: Casual Gamer entdeckten den kleinen weißen Kasten für sich. Plötzlich spielten auch Papa, Mama, Oma und Opa.Nur: Der einst große Coup lässt sich kaum wiederholen, ja, er entpuppt sich heute als große Bürde – denn der Markt ist gesättigt.

Wer bereits eine Wii besitzt und dazu fünf Spiele, braucht keine Wii U. Genügsame Casual Gamer haben schlichtweg einen langsameren Stoffwechsel als Konsolen-Fanboys, die stets der aktuellsten Peripherie für immer rechenintensivere Games nachjagen.Das hat zur Folge, dass weniger Einheiten verkauft werden, weswegen sich die großen Publisher von Nintendo abwenden könnten. Bereits im Mai erklärte Electronic Arts, man plane die nächsten großen Titel nicht für die Wii U ein, unter anderem, weil diese, ein Jahr nach dem Release, schon nicht mehr leistungsfähig genug sei.

Und das hält wiederum die Masse der Vielspieler von der Konsole fern. Denn Hardcoregamer stehen auf Egoshooter, Renn- und Sportspiele und – vielleicht aus jugendlichem Emanzipationsbestreben – weniger auf die kindlichen, unblutigen Knuddelwelten von Nintendo. Es ist ein Dilemma, ein Casual-Dilemma. Was Nintendo fehlt, ist ein Spiel, das diesen Teufelskreis durchbricht, weil es als Verkaufsargument für die Wii U dient.

Die Frage ist bloß, woher ein solches Spiel kommen soll. Neben dem fehlenden Support der Drittanbieter fehlt es Nintendo nämlich augenscheinlich auch an eigenen Ideen. Die hauseigenen Spielemarken sind für sich genommen zwar Paradebeispiele für gutes Gamedesign. Sie kommen nicht halbfertig auf den Markt, die Preispolitik für Zusatzinhalte ist fair, das Onlinegaming kostenlos. Aber Nintendo beschränkt sich darauf, das Erbe von Shigero Miyamoto, dem Erfinder von Super Mario, zu verwalten.

Und abermalige Neuauflagen von Super Mario und Co. werden zwar von einer älteren Stammkundschaft goutiert, die damit auch eine nostalgische Sehnsucht stillt. Aber bei vielen Kids dürften die Angry Birds dem kleinen Klempner mit der roten Mütze längst den Rang abgelaufen haben, was angesichts der fast schon penetranten Vermarktung der Geschossvögel auch kein Wunder ist.

Nintendo ist ein kauziges Korrektiv

Natürlich könnte Nintendo seine Inhalte von der eigenen Hardware entkoppeln und mit lizenzierten Mini-Games für Smartphones und Tablets zum Gegenangriff ausholen. Aber der Spieledino hat sich seit jeher gegen die äußeren Einflüsse einer von Umbruch zu Umbruch eilenden Gamesbranche hermetisch abgeriegelt.

Was Nintendo braucht, sind Spiele aus eigener Herstellung. Spiele, die den mit einem Touchscreen ausgestatteten Controller sinnvoll einbinden und gleichzeitig dem reichen Fundus an putzigen Charakteren der Nintendo-Märchenwelt neue hinzufügen.

Kurzum: Nintendo braucht einen System-Seller, um aus dem Casual-Dilemma herausrauszukommen. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, trotzdem bleibt Hoffnung. Denn es gibt womöglich keine Marke, die für die Videospielbranche wichtiger ist als Nintendo – als kauziges Korrektiv, das mit Handwerkern und Pilzen antritt gegen Panzer und Soldaten.