Vater (sterbend, mit zitternder Stimme): „Es ist viel schlimmer, als ich dachte. Du musst uns retten. Du musst Rom retten.“ Marius (erbost): „Ihr Schweine. Ihr Barbaren-Schweine.“

Zu Beginn setzt „Ryse: Son of Rome“, ein Spiel für die Xbox One, ganz auf große Emotionen. Der Stolz, endlich in der Legion zu dienen. Die Trauer um die Lieben. Der Hass auf die Barbaren-Schweine. Rache, das weiß der erfahrene Spieler, ist der ideale Nährboden für Blutdurst – und der narrative Kitt zwischen den Kampfhandlungen. Ein paar Spielminuten zuvor wurde der Familiensitz von Marius überfallen, ausgerechnet am Tag seiner Einberufung. Wilde Glatzköpfe meucheln die Angehörigen, der Vater stirbt in den Armen seines Sohnes.

Ryse: Son of Rome“ ist neben dem Rennspiel „Forza“ einer der exklusiven Starttitel für die Xbox. Letzteres Spiel ist ein solider Racer, den alsbald ein noch soliderer Racer überholen wird. Die Halbwertszeit des Sandalen-Action-Krachers dürfte kürzer sein. In etwa so kurz, wie man noch über die schmucke Grafik einer neuen Konsole staunen kann, bevor der Wunsch nach Spieltiefe die Oberhand zurückgewinnt.

Das mit viel Schwertkampf und anderer Gewalt gespickte Rachestück des Soldaten Marius, der sich aufmacht, den Barbaren in Britannien römische Gerechtigkeit beizubringen und mit jedem Schwertstreich und jedem Kehlenschnitt zum Mann erwächst, hat nicht gerade viele Pluspunkte. Einer ist, dass der Spieler nicht allzu lang durch ihre spielerischen Untiefen waten muss. Nach fünf bis sechs Stunden ist nämlich Schluss. Das reicht aber aus, um einen Eindruck zu bekommen, was die Xbox One unter der Haube hat.

Grafik: prachtvoll

Grafisch ist „Ryse“ eine überaus prächtige Angelegenheit. Das Game hat womöglich die beste Grafik, die ein Konsolenspiel jemals vorzuweisen hatte. Die Spielabschnitte – das ehrwürdige Colosseum, England, die düsteren Landschaften eines mythischen Schottlands – sind vollgestopft mit Details. Da sind Blut und Dreck in den Poren geschundener Soldatengesichter. Prachtvolle Stadtareale, die abwechselnd qualmen, brennen und physikalisch korrekt auseinander brechen. Es gibt flatternde Fahnen und die feuchtkalten Wege verwunschener Wälder.

Nicht zu finden sind dagegen Pixel, Polygone, Glitches und sämtliche anderen Artefakte, die einen daran erinnern könnten, dass alles nur interaktive Unterhaltung ist. Von Fotorealismus zu sprechen ist vielleicht ein bisschen gewagt, aber die Illusion kann überzeugen.

Weniger überzeugend ist das Gameplay, das die schöne Kulisse letztlich zu einem potemkinschen Dorf in High Definition degradiert. Denn „Ryse“ ist oft nur eine lange Aneinanderreihung von Reaktionstests, im Fachjargon: Quick-Time-Events. Marius ist standardmäßig mit Kurzschwert und Schild ausgerüstet. Mit dem blauen Button schlägt derSpieler zu. Mit dem grünen wird geblockt, mit dem gelben das Schild offensiv eingesetzt. Der rote Knopf lässt den römischen Helden einen Purzelbaum schlagen, um Angriffen auszuweichen.

Die Anzahl der Angriffsbewegungen und die der Gegnertypen ist übersichtlich. Der dicke Barbar mit dem Bart verschanzt sich hinter seinem Schild. Der Typ, der mit zwei Waffen herumfuchtelt, wird dreimal hintereinander im richtigen Moment geblockt, dann ist seine Deckung offen wie ein Scheunentor. Die Zwei-Meter-Hünen hauen nur selten zu, und wenn, dann leuchten sie kurz rot auf, um dem Spieler zu warnen: Mach‘ erst einen Purzelbaum, dann hau zurück! Variationen gibt es leider keine.

Ist ein Gegner geschlagen, bekommt Marius die Chance auf eine „Hinrichtung“. In einer Zeitlupensequenz leuchten die Todgeweihten kurz blau und gelb auf. Der Spieler drückt die entsprechenden Knöpfe. Je besser das Timing, desto mehr Punkte gibt es, mit denen etwa neue Hinrichtungen freigeschaltet werden können. Dass diese immer brutaler werden, dürfte Pädagogen, Eltern und Killerspiel-Kritikern übel aufstoßen. Gamer wiederum werden sich ärgern, dass sich die Finisher nicht gezielt einsetzen lassen, sondern scheinbar willkürlich ausgelöst werden.

Crytek ist dreist

An dieser Stelle wäre noch auf das unbefriedigende Upgrade-System einzugehen. Auf die in den Levels verteilten Gegenstände, die sich einsammeln lassen, mit denen sich aber nichts Sinnvolles anstellen lässt. Darauf, dass sich der deutsche Entwickler Crytek erdreistet, in einem Vollpreistitel mit so kurzer Spielzeit bezahlpflichtige Inhalte anzubieten. Und auf Charakterzeichnung, die unterscheidet zwischen ehrbaren, hypermännlichen Kriegern und intriganten, weibisch gekleideten Politiker und selbst für Actiongames arg holzschnittartig ist.

Was bleibt ist der Eindruck, dass es sich bei „Ryse: Son of Rome“ um eine überaus gelungene Tech-Demo handelt. Sie zeigt, dass die Rechenpower der Xbox One, mit ihrem AMD Prozessor (acht Kerne, bis zu 1,75 Gigahertz) in der Lage ist, prachtvolle interaktive Welten zu erschaffen. Auf einen wirklich guten Exklusivtitel müssen Videospielfans hingegen noch warten.

Erschienen auf süddeutsche.de