Mors certa, hora incerta. Der Tod ist uns gewiss, aber wir haben keine Ahnung, wann er zuschlägt. Dieser ewigen Binsenweisheit wäre eigentlich noch hinzuzufügen: Und das ist auch gut so. Denn wer will schon wirklich wissen, wann sein letztes Stündlein geschlagen hat? Schließlich sind wir sehr erfolgreich darin, den Gedanken an den Tod, vor allem an den eigenen, aus unseren Köpfen zu verbannen, ihn vor uns her zu schieben wie eine finale Steuererklärung. Es ist Prokrastination auf höchstem Niveau. Doch nun kommt ein Schwede namens Fredrik Colting daher und will unsere Bemühungen einfach zunichte machen, und zwar durch ein von ihm erdachtes technisches Gadget.

Das Gerät heißt Tikker und sieht auf den ersten Blick aus wie eine stinknormale Armbanduhr aus einem Versandkatalog für Sport und Freizeit. Eine runde, dreizeilige Digitalanzeige wird großzügig von einem runden Plastikrahmen eingefasst, das Design erinnert an Luigi Colani, besonders hübsch ist Tikker also nicht. Aber Tikker zeigt nicht etwa den Blutdruck oder den Herzschlag an – sondern die verbleibende Lebenszeit. Die wird als Countdown runtergezählt, gemessen in Jahren, Monaten, Tagen, Stunden, Minuten, und Sekunden. Tick, tack, tick, tack, und wenn sie auf Null stehenbleibt, dann gute Nacht.

Das genaue Sterbedatum errechnet die Todesuhr, indem sie einen Fragebogen auswertet. Beantwortet werden müssen ganz allgemeine Fragen zur Gesundheit, Gewohnheiten und den Lebensumständen, man findet sie so oder so ähnlich auch in etlichen Lebenserwartungs-Rechnern im Netz. Anschließend spuckt die Uhr die Sekunde unseres Ablebens aus.

Eine derart genaue Prognose ist natürlich höchst unwissenschaftlich. Nicht nur, dass Lebensgewohnheiten sich ändern können und verbesserte medizinische Therapieformen die allgemeine Lebenserwartung weiter erhöhen dürften. Auch ist jeder Mensch ein genetisches Unikat. Der legendäre Kettenraucher und Altkanzler Helmut Schmidt dürfte zum Beispiel für ein so simpel errechnetes Haltbarkeitsdatum nur ein müdes Lächeln übrig haben. Aber um eine sekundengenaue Prognose geht es Tikker auch gar nicht – sondern um ein Memento Mori fürs Handgelenk.

„Wären wir uns unserer Sterblichkeit bewusster, würden wir unserem Leben mehr Wertschätzung entgegenbringen“, glaubt der schwedische Autor. Tatsächlich sagt man über Menschen, die bereits eine Nahtoderfahrung gemacht haben, sie würden das Leben intensiver leben. Christen sehen ein Licht am Ende des Tunnel. Hindus, die dem Tod von der Schippe gesprungen sind, berichten nichts dergleichen, stattdessen werden sie von einem Himmelsbeamten zurück auf die Erde geschickt.

Ihnen gemein ist jedoch häufig die postmortale Epiphanie und der damit verbundene Wunsch, mehr Zeit mit den Lieben zu verbringen, auf Weltreise zu gehen oder mit dem Fallschirm auf dem Rücken aus einem Flugzeug zu hüpfen.

Genau diesen Aha-Moment will Fredrik Colting, der Erfinder von Tikker, nun all jenen zugänglich machen, die nicht erst den umständlichen und lebensgefährlichen Weg einer Nahtoderfahrung gehen wollen. Auf die Idee kam er, nachdem sein Großvater starb.

Weil renommierte Uhrenfabrikanten mehr am diesseitigen Abverkauf von Luxusobjekten als an der Work-Life-Balance und den metaphysischen Fragestellungen ihrer Kunden interessiert sind, tat Fredrik Colting, was viele Leute tun, die eine scheinbar nicht marktfähige Idee haben. Er suchte sich eine kritische Masse sowie das nötige Kleingeld über eine Crowdfunding-Aktion im Internet.

Sein Ziel: Sollten nach knapp einem Monat mehr als 25.000 Dollar zusammenkommen, geht die Uhr in Produktion. Für eine einmalige Spende über 39 Dollar gibt es das Standardmodell, im thematisch angemessenen Schwarz. Wem die Todesuhr einen vierstelligen Betrag wert ist, der darf sich eine Farbe aussuchen.

Tikker ist nicht die erste unorthodoxe Idee Coltings. Als Autor schrieb er 2009 unter dem Pseudonym John David California eine Fortsetzung des amerikanischen Literatur-Klassikers „Der Fänger im Roggen“. Das fand J.D. Salinger, der zurückgezogen lebende Autor des Originals, natürlich gar nicht lustig und verklagte California alias Fredrik Colting wegen Urheberrechtsverletzung. Damit konnte er eine Veröffentlichung in den USA verhindern. Vor dem rechtsgültigen Urteil verstarb Salinger jedoch im Alter von 91 Jahren.

Das Crowdfunding für Tikker ist inzwischen abgelaufen. Man sollte denken, dass der Anblick einer Lebenszeit-Uhr für jeden normal tickenden Menschen in etwa so angenehm ist wie die Staatsverschuldungsanzeige für einen Finanzminister. Aber weit gefehlt. Colting konnte mit seiner Kickstarter-Kampagne 98.665 US-Dollar zusammenkratzen. Über 2000 Menschen haben eine Uhr vorbestellt. „Es waren Teenager und alte Menschen weit in den Siebzigern“, berichtet der in Los Angeles lebende Schwede, „auch eine buddhistische Organisation befand sich darunter, weil sich ihre und unsere Einstellung zu Leben und Tod sehr ähnlich sind.“ Im April sollen die ersten Uhren ausgeliefert werden.

Tick, tack. Zwei Sekunden weniger.