Wenn Electronic Arts, Activision und Ubisoft zum alten Games-Adel gehören, dann ist Wargaming.net aus Weißrussland so etwas wie der lärmende Neureiche, der zwar einen schlechten Geschmack besitzt, aber alle Etablierten mit einem neuen Geschäftsmodell in die Tasche zu stecken droht. Wargaming.net heißt der Entwickler und Publisher des immens erfolgreichen Panzer-Multiplayer-SpielsWorld of Tanks. Und der macht nun Krieg auf breiter Front.

Da kommt ab 13. November zum einen mit World of Warplanes ein hauseigener Klon von World of Tanks auf den Markt. „Gebt den Panzern Tragflächen und lasst sie fliegen“, nennt Sergei Illushin, der leitende Produzent des Spiels, die Devise.

Tatsächlich findet sich das Erfolgsrezept des Panzerspiels – eine Matchdauer von wenigen Minuten, fünfzehn Spieler auf jeder Seite, aufrüstbare Militärfahrzeuge von anno dazumal – hier fast eins zu eins umgesetzt.

Die russischen, deutschen, britischen, japanischen und amerikanischen Flugzeugmodelle im virtuellen Hangar stammen aus der Zeit zwischen 1930 und 1954. Der Luftkampf wurde damals noch in vermeintlich ritterlichen Duellen mit Maschinengewehren ausgetragen. Ob Motorisierung oder Bewaffnung, die Flugzeuge sollen den Anschein historischer Akkuratesse erwecken. Man sieht sich in der Tradition von Kriegssimulationen, allerdings ohne die Kundschaft mit kompliziertem Gameplay und zu viel Spieltiefe abschrecken zu wollen.

Virtueller Krieg mit Nostalgiefaktor

Diese Militaria-Nostalgie, von der beide Spiele mehr als genug haben, ist durchaus verkaufsfördernd. Aber der Verzicht auf moderne Luft-Luft-Raketen ist auch hinsichtlich des Gameplays durchaus nachvollziehbar. Denn ein ordentlich simulierter Kampf zwischen 30 modernen Jets mit automatischer Zielerfassung wäre ein kurzer Spaß und innerhalb von Sekundenbruchteilen ausgefochten.

Weil also der echte Krieg immer virtueller wird, muss der virtuelle Krieg sich auf die gute alte Zeit besinnen, und der Spieler darf sich für ein paar Minuten fühlen wie ein Fliegerass vom Schlage Manfred von Richthofens.

Im Standard-Spielmodus kämpfen die 30 Spieler auf einer durchschnittlich 220 Quadratkilometer großen Map um die Lufthoheit. Wer am Ende mehr Gegner vom Himmel geholt oder eine bestimmte Anzahl von Gebäuden und Landfahrzeugen zerstört hat, gewinnt. Deswegen gibt es neben den schnellen Flugzeugen für den Luftkampf auch solche, die vorrangig Bodenziele angreifen sollen und entsprechend spezialisiert sind.

Geplant sind weitere Varianten. Sie werden durch Patches im Verlauf der nächsten Monate dem Spiel hinzugefügt. Etwa ein Eskort-Modus, in dem ein Team eine Staffel von computergesteuerten Bombern vor den Angriffen des anderen Teams schützen soll.

Wird ein Flugzeug getroffen, fällt es nicht zwangsläufig vom Himmel wie eine tote Taube. Von Kugeln durchlöcherte Tragflächen verlieren an Steigleistung und Fluggeschwindigkeit, Benzintanks können Feuer fangen und das Flugzeug zum Explodieren bringen, wenn nicht rechtzeitig gelöscht wird. Wie lange das dauert, hängt von der Geduld oder vom Portemonnaie des Spielers ab: Jedes Flugzeug kann mit mühsam erkämpften oder im Shop gegen echtes Geld eingekauften Upgrades versehen werden.

World of Warplanes ist ein wenig dynamischer als World of Tanks, das von Egoshooter-Spielern gerne als Altherren-Shooter abgetan wird. Das Handling der Panzer und die Zielerfassung von World of Tanks sind in der Tat behäbig. Man will den älteren Herren über 30 eine Chance auf Abschüsse geben. Was diese an Hand-Augen-Koordination vermissen lassen, gleichen sie durch eine größere Spendierfreudigkeit wieder aus – was überlebenswichtig ist für ein kostenloses Spiel, das sich ausschließlich durch In-Game-Verkäufe finanziert.

World of Warplanes folgt dieser Tradition. Gesteuert wird das alles vorrangig mit der Maus, allerdings kann auch die Tastatur, ein Gamepad oder ein Joystick genutzt werden.

Voraussetzung ist ein Wargaming-Account. Einmal eingerichtet, kann der Spieler sowohl mit Panzern gegen Panzer als auch mit Flugzeugen gegen Flugzeuge ins Gefecht ziehen und erbeutete Punkte und Gold mal hier, mal dort gegen neue Technologien und komplett neue Maschinen eintauschen. Und die Alpha-Testphase eines weiteren Spiels, World of Warships, startet bald, soberdass ein Account dann den Zugang zu Heer, Luftwaffe und Marine ermöglichen wird.

75 Millionen Accounts

Nach Angaben des Herstellers besitzen bereits jetzt 75 Millionen Menschen einen Account bei Wargaming.net. Das ist mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Die neuen Bereiche dürften diese Zahl noch steigern.

Und da das Spiel- und das Bezahlprinzip von Wargaming wunderbar in die Welt der Smartphones und Tablets passen, wird auch daran längst gearbeitet. Die Weißrussen, die inzwischen zu einem Unternehmen mit 2.200 Mitarbeitern angewachsen sind, basteln bereits an einer Umsetzung von World of Tanks für Apple- und Androidgeräte.

Das Panzerspiel wird außerdem in Kürze für die Xbox 360 erscheinen, damit einen ersten Brückenkopf im bis dahin vernachlässigten Konsolenmarkt errichten und womöglich noch ein paar Millionen Spieler dazu bringen, mal 10, mal 20 Euro in neue Kettenfahrzeuge zu investieren. Dem Trend zum Free-to-Play hat das Team von Wargaming damit einen riesigen Schub verpasst und gezeigt, dass es lohnt, sein Spiel umsonst herzugeben. Bereits jetzt liegt der Umsatz des Unternehmens im mehrfachen Millionenbereich – pro Monat.