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Josh Higgins ist Creative Director von Facebooks Kreativteam The Factory. Davor war er Chefdesigner der Wiederwahl-Kampagne von Barack Obama. Er ist ein Designer alter Schule, der seine ganze eigene Meinung zum mobilen Arbeiten mit Smartphone und Tablet hat. Ich habe Higgins in Los Angeles getroffen.

WIRED: Alle reden gerade von mobilen Workflows. Glauben Sie, dass Design-Profis bald nur noch Tablets und Smartphones benutzen, um zu arbeiten?

Josh Higgins: Ich glaube durchaus daran, dass Menschen zusammenarbeiten werden, wo immer sie auch sind. Aber das werden sie eher nicht auf mobilen Geräten tun, noch nicht jedenfalls.

WIRED: Warum?
Higgins: Weil die Infrastruktur für Mobiltelefone noch nicht soweit ist. Es fehlt schlichtweg die Bandbreite, die benötigt wird, um vernünftig zusammenzuarbeiten. Sie reicht vielleicht aus, um Ideen auszutauschen. Da kann man dann ganz altmodisch sein und E-Mails verschicken. Und ja, man kann auch Cloud-Plattformen benutzen. Aber wirklich große Aufgaben werden über die mobile Infrastruktur und die dazugehörige Hardware noch nicht bewältigt.

Wer nur üben will, braucht nicht viel Power.

WIRED: Aber die ersten Anwendungen für das iPad Pro sehen doch sehr gut aus. Und Microsofts Surface Book soll ja auch allerhand können.
Higgins: Lassen Sie mich das mit einem Musiker vergleichen. Der möchte große Verstärkerboxen, die so richtig schön laut sind. Und nur, wenn man bloß mal üben möchte, rückt man von diesem Anspruch wieder ab. Wer nur üben will, braucht nicht viel Power. So ähnlich sehe ich das auch mit meiner Hardware. Ich brauche Rechenpower, um schnell zu sein. Und ich weiß nicht, wie Telefone oder Tablets das leisten sollen.

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Das neue Facebook-Logo vor der Firmenzentrale

WIRED: Also glauben Sie nicht, dass sich Tablets in naher Zukunft bei ihrem Arbeitgeber Facebook durchsetzen werden?
Higgins: Vielleicht probieren wir das testweise mal aus, aber ich glaube nicht, dass ernsthafte Design-Arbeit damit gemacht wird. Natürlich weiß man nicht, wohin die Technologie einen führen wird, aber es ist schwierig, von Dingen wie einer Computermaus und einer Tastatur wegzukommen. Ich frage mich, warum man das wollen würde.

WIRED: Schade, dabei wollte ich eigentlich fragen, ob Sie das neue Facebook-Logo am iPad entworfen haben. Hat es Sie eigentlich gewurmt, dass fast kein Mensch bemerkt hat, dass Facebook ein neues Emblem hat?
Higgins: Es war ja nur ein Logo-Update. Das alte gab es seit fast zehn Jahren, die Typographie war ganz schön angestaubt. Wir wollten das Logo menschlicher und zugänglicher zu machen. Trotzdem haben wir mehrere Monate und viele hundert Entwürfe gebraucht, um ein Gespür dafür zu bekommen, was sich richtig anfühlt und was falsch.

WIRED: Was hat sich denn falsch angefühlt?
Higgins: Zum Beispiel eine kursive Handschrift als Schriftart zu benutzen.

Immer das gleiche Rot, das gleiche Blau, und überall sind Adler.

WIRED: Facebook kursiv? Das sah sicher sehr hübsch aus.
Higgins: Das haben wir wirklich nur gemacht, um zu sehen, wie es sich anfühlt. Andere Varianten waren dagegen geometrisch und kalt. Uns war es ganz wichtig, nicht zu signalisieren, dass sich die Firma groß verändert. Es sollte, wie schon gesagt, ein Update sein. Designer haben unsere Änderungen sicher wahrgenommen, für normale Leute hingegen sind sie kaum sichtbar.

WIRED: Als Sie Chefdesigner der Wiederwahlkampagne von Barack Obama waren, ging es da auch so subtil zu?
Higgins: Es kommt darauf an. Wenn man sich politische Kampagnen aus der Vergangenheit anschaut, dann sehen die eigentlich alle gleich aus: Immer das gleiche Rot und das gleiche Blau, und überall sind Adler. Im Gegensatz dazu und für die Verhältnisse der Politik waren manche unserer Ideen ganz schön radikal.

„Unsere Stimme“: ein spanischsprachiges Plakat zur Wiederwahl von Barack Obama

„Unsere Stimme“: ein spanischsprachiges Plakat zur Wiederwahl von Barack Obama

WIRED: Zum Beispiel?
Higgins: Das fing an mit ganz grundlegenden Dingen, etwa den Farbpaletten. Die Designs, die wir zu Beginn ausprobiert haben, waren anders als alles, was zuvor im Kampagnendesign gemacht wurde. Wir haben eine zweite Farbpalette eingebunden und die Standardfarben variiert. Mehr Stahlblau, das war nämlich unsere Primärfarbe, und auch mal ein bisschen Grün hinzugegeben, und unser Rot war viel satter als das der anderen… Werde ich jetzt zu technisch?

WIRED: Halb so wild. War der Job im Obama-Team der Wegbereiter dafür, dass Sie jetzt bei Facebook sind?
Higgins: Auf jeden Fall. Auch wenn wir hier keine Werbung machen. Facebook hat anderthalb Milliarden Nutzer und braucht nicht wirklich welche. Wir wollen den Leuten eher vermitteln, was das Besondere an Facebook ist und welche Werte das Unternehmen hat.

Facebook braucht keine Werbung.

WIRED: Welche Werte sind das? Wie vermittelt man, dass hinter Facebook mehr steckt als die Absicht, Nutzerdaten zu sammeln?
Higgins: Wir wollen menschliche Wahrheiten zeigen, auf die wir uns alle einigen können. Es geht um Freundschaft, ob nun auf Facebook oder außerhalb. Ich denke, unsere neuen TV-Spots, die in diesen Tagen im englischen Fernsehen gesendet werden, zeigen das ganz gut. Mit denen wird sich wahrscheinlich jeder identifizieren können.

WIRED: Viele Designer dürften von den Möglichkeiten träumen, die Sie jetzt bei Facebook haben.
Higgins: Ja, man kann in wenigen Minuten herausfinden, ob eine Idee funktioniert oder nicht. Gerade erst haben wir eine neue Kampagne gelaunched, und nach einer Viertelstunde zählten wir 14.000 Views und mehrere Tausend Kommentare. Wir wissen genau, ob unsere Videos zu lang sind oder zu kurz, und natürlich analysieren die Kommentar-Feeds. Schade ist bloß, dass die Leute, die etwas lieben, nicht so mitteilungsbedürftig sind wie die Leute, die etwas hassen.

Erschienen bei Wired.de